Katastrophale Zustände: Was in deutschen Kinderheimen falsch läuft Heimerziehung ist nach wie vor ein lukratives Geschäft.

Artikel in Huffingtonpost vom 5.7.2018


Armin Emrich
Pädagoge, ehemaliges Heimkind

Meine laute Stimme rettete mir das Leben. Ich hatte Hunger und meine Mutter hatte mich im Stich gelassen. Deswegen schrie ich so lange, bis die Polizei die Wohnung öffnete, mich mitnahm und in ein Heim brachte.

Meine Mutter war in den 1950er Jahren in eine Obdachlosensiedlung gezogen, lernte nach ihrer Scheidung einen neuen Mann kennen, der ihr offensichtlich näherstand als ich. Einen Mann, über den man offenbar ein Kind vergessen konnte.

Zwar bekam ich im Heim etwas zu essen – doch alles andere trug weniger zu meiner Gesundheit bei: Keine Zuwendung, wenig Anregung, steriles Umfeld.

Unter staatlicher Vormundschaft ausgeliefert

Meiner Mutter wurde das Recht und die Pflicht zur Pflege und Erziehung vollständig entzogen. Das Sorgerecht ging nun an einen staatlichen Vormund. Ihn habe ich nur einmal in meinem Leben zu Gesicht bekommen.

Mein mir unbekannter Vormund veranlasste vor meiner Einschulung die Verlegung in ein Heim, in dem über 100 Kinder untergebracht waren.

Warum ich das schreibe? Weil sich, seit ich als Kind in einem Heim war, wenig an den Zuständen geändert hat und jeder wissen sollte wie es dort zu geht.

Heimerziehung ist nach wie vor ein lukratives Geschäft. Die Kinderheime verdienen horrende Summen mit der Unterbringung und Erziehung der Kinder. Ihr gesetzlicher Terminus: Hilfe zur Erziehung. Darunter fallen nun auch die Familienhilfe und der Betrieb von Jugendwohngemeinschaften.

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Trotz Familienhilfe, eingerichtet in der Hoffnung Heimerziehung zu reduzieren, sind Heimunterbringungen von 1991 bis 2013 von 52.000 auf 68.000 Kinder und Jugendliche angestiegen.

Laut Statistischem Bundesamt haben für 53.300 Kinder oder Jugendliche in Deutschland die Jugendämter im Jahr 2016 eine Erziehung in einem Heim oder in einer anderen betreuten Wohnform eingeleitet. Das waren 20 Prozent mehr neue Heimerziehungen als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2014 betrug der Zuwachs sogar 50 Prozent.

Heute reden wir von circa 80.000 Kindern, die in Heimen leben. Warum? Sind die Verhältnisse in den Familien so viel schlimmer geworden als noch nach dem Krieg?

Ein Heimplatz kostet bis zu 6000 Euro im Monat

Es gibt einen sehr plausiblen Grund für den überproportionalen Anstieg trotz ambulanter Familienhilfe. Heimkinder sind eine sichere Einkommensquelle. Die Kosten für den Staat liegen im Monat bei 3000 bis 6000 Euro pro Kind und in Einzelfällen sogar höher. Das Geld geht komplett an das Kinderheim.

Wenn das Jugendamt eine Heimeinweisung anordnet, dann muss der Staat diesen Betrag für das Kind an das jeweilige Heim zahlen.

8,71 Milliarden Euro hat Deutschland im Jahr 2013 laut statistischem Bundesamt für die Fremderziehung von Kindern und Jugendlichen außerhalb der Familie ausgegeben.

Für den Bereich Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und für den erzieherischen Kinder- und Jugendschutz waren es lediglich 3,81 Milliarden Euro im gleichen Jahr.

Sämtliche Kämmerer in allen Kommunen beklagen sich inzwischen darüber.

Bis in die 70er Jahre hinein war Heimerziehung, mit Gewalt, Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Kinderarbeit verbunden. Die Heime waren erfüllt von schwarzer Pädagogik.

Auch ich bekam das zu spüren. Morgens wurden wir aus dem Schlafsaal kommandiert, um unsere Gesichter mit kaltem Wasser zu waschen. Im Anschluss mussten wir vor dem Frühstück jeweils eine halbe Stunde lang Gottes Wort vom Anstaltsleiter vernehmen.

Gewalt war an der Tagesordnung

In einem großen Saal an langen Tischen gab es dann zwei dünn bestrichene Brotscheiben, eine mit Margarine, eine mit etwas Marmelade. Der Weg nach dem Dankesgebet führte weniger in die Schule als auf die Felder von Bauern aus der Nachbarschaft, obwohl Kinderarbeit verboten ist.

Mehr zum Thema: Ein Kinderheim-Leiter warnt: Die meisten Eltern machen denselben großen Erziehungs-Fehler

Was beim Essen nicht im Magen blieb und wieder auf dem Teller landete, mussten wir wieder essen. Auf Widerstand folgte Gewalt.

Gewalt war an der Tagesordnung, von den Erwachsenen als Erziehungsmittel gekonnt und effektiv eingesetzt und von den Kindern als gewöhnliche Form der Kommunikation praktiziert.

Mit der Heimreform Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hat sich vieles geändert – zumindest in den meisten Heimen. Trotzdem: Was den späteren beruflichen und familiären Erfolg der Heimkinder angeht, ist Heimerziehung grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.

Heimerziehung ist immer Fremderziehung

Denn: Heimerziehung ist immer Fremderziehung. Die Kinder und Jugendlichen leben in einer Anstalt, in der sie weder Eigentum noch entsprechende Verfügungsgewalt über ihre Umwelt besitzen.

Für die Pädagogen, die sie betreuen, ist das Heim lediglich der Arbeitsplatz.

Im Wissen um den Unsinn von Heimerziehung stellt sich die Frage: Könnte man den Familien für die bis zu 6000 Euro, die der Staat pro Kind und Monat an das Heim zahlt, nicht auch den Familien direkt helfen? So, dass das Kind gar nicht erst ins Heim muss?

Wenn wir wollen, dass ehemalige Heimkinder in der Mehrheit nicht in der Sozialhilfe, Psychiatrien und Gefängnissen landen, dann sollten wir uns echte Alternativen zur Heimerziehung einfallen lassen.

Nach dem Heim habe ich eine handwerkliche, kaufmännische und pädagogische Ausbildung gemacht und Erziehungswissenschaften studiert. Dann war ich als Berater tätig.

Ab und zu gehörte es zu meinen Aufgaben, das Jugendamt besonders im Ausland zu loben. Doch das fiel mir nie leicht – denn mit den aktuellen Voraussetzungen können Kinder nicht glücklich und zufrieden aufwachsen.

Sehr sehenswert zum Thema ist ganz aktuell der Debutdokumentarfilm “Inkompatibel” des jungen Filmemachers Robert Kreuzer. Premiere am 4. Juli in Duisburg und 5. Juli 2018 in Berlin. Anmeldung erforderlich entweder über Facebook “Inkompatibel” oder E-Mail arminemrich@icloud.com

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