Hintergrund: Aus einem Mail an Prof. Dr. W.

Zu meinem Ansatz der Betrachtung von Fremderziehung und deren Folgen:

Soweit die Folgen der Sozialisationsbedingungen in Heimen in Betracht gezogen wurden, besonders für Kleinkinder, bediente man sich mehr oder weniger psychoanalytisch orientierter Theorien. (Dietlind Enzensberger, Anna Freud usw. soweit es das Kleinkindalter betrifft) Auch über das Kleinkindalter hinaus lag und liegt noch heute der Schwerpunkt vornehmlich in einer dem Grunde nach psychoanalytischen Betrachtung der Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind. Besonders für das Säuglings- und Kleinkindalter standen im Mittelpunkt der Untersuchung fehlende taktile Kontakte, mit der Folge maternaler Deprivation und der damit im Zusammenhang stehenden Retardierung. Deshalb wurden Säuglingsheime in Berlin aufgegeben. Es scheint aber so, als ob der gesamte Sozialisationsprozess im Heim nahezu ausschließlich vom pädagogisch-psychologischen Verhältnis der Erzieher zum Kind ausschlaggeben für gelingende Pädagogik sei. Davon ließ sich auch der Fond leiten und rekurrierte ausschließlich auf inhumane unprofessionelle Gewaltverhältnisse in den früheren Heimen.

Kurzum: Es scheint als ob bei der Betrachtung von Heimerziehung, wie sonst auch in der Pädagogik insgesamt, lediglich die Interaktionsverhältnisse von Erwachsenen und Minderjährigen in den Fokus der Betrachtungen genommen werden. Diese Herangehensweise erfasst nur die Hälfte der Wirklichkeit.

Mein Denkansatz:

Was weitgehend ungesehen bleibt sind die materiellen Umgebungsbedingungen dieser Kinder.

Um diese in den Blick nehmen zu können, bediene ich mich erkenntnistheoretischer Sichtweisen von Welt- und Selbsterfahrung. D.h.: Ohne auf einzelne Aspekte der Erkenntnistheorie detailliert einzugehen, was zu weit führen würde, frage ich mich: Wenn wir wissen, dass ohne subjektivem Bedeutungsgehalt die Dinge der Welt nicht erkannt werden können, welche Bedeutung erfahren die Dinge im Heim?

Dabei gehe ich davon aus, dass neben der funktionalen und figuralen Beschaffenheit des einzelnen Gegenstandes auch der Tauschwertaspekt in die Bedeutungsstruktur miteingeht. In unserer Gesellschaftsformation sind auch wesentlich die Tauschwertaspekte mithin zentral für die individuelle Welterfassung und die Entwicklung entsprechende Handlungskompetenz.

Innerhalb des Heimes sind die strukturell materiellen Bedingungen völlig anders gelagert, was die Eigentumsverhältnisse und die damit im Zusammenhang stehenden Verfügungsgewalten betrifft, als in einer Familie und das gilt nicht nur für die „Zöglinge“, sondern auch für das  Personal. Weder den Kindern noch dem Personal im Heim gehört irgendetwas von dem was sie umgibt. Diese Tatsache fremder Eigentumsverhältnisse ist m.E. zentral für die Welt- und Selbsterfahrung von Heimkindern.

Während weder die Erwachsenen noch die Kinder und Jugendlichen im Besitz der gegenständlichen Welt im Heim sind, verfügen Familienkinder zumindest mittelbar frei über die Sachen die sie umgeben. Sie sind im Rahmen ihrer Familienzugehörigkeit ihr Eigentum und damit verbunden haben sie die wachsende Verfügungsgewalt über die Dinge im eigenen Haus. Entsprechend der Besitzverhältnisse und der wachsender Verfügungsgewalt erhalten die Dinge u.a. ihre Bedeutung. Vor diesem Hintergrund bekommen die Dinge ihren Wert und werden auch in ihrem Wert als solche erkannt. Auch erwachsen daraus Handlungskompetenzen für das spätere Leben. Soweit in der Literatur und in die Beurteilung pädagogische Praxis lediglich die Interaktionsbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kinder in Augenschein genommen werden, bleibt die Analyse der Bedingungen jeweiliger Lebenswelten der Kinder für die Beurteilung von Welt- und Selbsterfahrungsprozesse weitgehend unberücksichtigt.

Natürlich spielen die Interaktionsprozesse keine unwesentliche Rolle, jedoch interagieren die Menschen nicht losgelöst von den gegenständlichen Gegebenheiten und deren Verfügungsgewalt über sie. Die Kinder und Erwachsene umgebenden Dinge sind innerhalb der wechselseitigen Interaktion nicht einfach nur beigespielt, sondern prägen die Interaktionsweisen sehr entscheidend mit. Brecht sprach in diesem Zusammenhang von der Dritten Sache, die die Verhältnisse zwischen den Menschen ausmachen. Möchte ich die Lern- und Vermittungsverhältnisse innerhalb primärer Sozialisation betrachten, muss ich wesentlich die Beziehungen zu den Gegenständen analysieren, die nicht losgelöst von Besitz und Verfügungsgewalt stehen. Mittelbar geschieht dies heute im Bemühen um familienähnlicher Strukturen in der öffentlichen Fremderziehung. Dies allerdings nicht entlang der von mir aufgeführten theoretischen Fragestellungen, sondern entlang ideologisch tradierter geschichtlich gewachsener Normen, die für die primäre Erziehung in unserer Gesellschaft gelten. Meines Erachtens sind die gesellschaftlichen Normen und Implikationen für den Erziehungsprozess weitgehend unreflektiert übernommen und gelten als naturgesetzlich gegeben. Das Grundgesetz in Artikel 6 stellt die Familienerziehung in den Mittelpunkt, was richtig ist, aber in der Praxis für die öffentliche Erziehung nur bedingt erfolgt. Auch das SGB VIII lässt sich von diesem normativen Grundsatz des GG leiten und spricht von Hilfe zur Erziehung, die sich an die Eltern richtet. Den Eltern soll Hilfe zur Erziehung zuteilwerden. Innerhalb der Jugendhilferechtsreform war dies allerdings zwischen den A und B Länder strittig, inwieweit das Kind, bzw. die Eltern innerhalb der angebotenen Hilfeformen im Mittelpunkt stehen. Die Uneinigkeit wird deutlich in der wortgleichen Wiederholung des Grundgesetzartikels in § 1 Abs. 2 SGB VIII. Würde man die Hilfe zur Erziehung im Sinne des GG und § 1 KJHG wirklich ernst nehmen – dies ist meine Auffassung – so würde man weitgehend auf die Heimerziehung verzichten und nahezu alles unternehmen, die Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung zu stützen und zu fördern. Statt dessen trennt man zu überproportional hohen Kosten Eltern und Kinder. Die Pflegekostensätze sind so hoch, dass sie bei weitem das übersteigen, was selbst reiche Familien für ihr Kind ausgeben oder von der Mehrheit  ausgegeben werden können. Mit den vorhandenen staatlichen Ressourcen und derzeitigen Ausgaben für Heimerziehung könnte man auf die teure und ineffektive Form der Fremderziehung in Einrichtungen eigentlich gänzlich verzichten. Sie sind nicht nur teuer, sondern führen in den meisten Fällen nicht zum Erfolg. Dies meine ich auch für Einrichtungen, die für behinderte Kinder gedacht sind. (Beispiel aus meiner beruflichen Praxis: Eine Jugendliche bekommt ein mehrfach behindertes Kind, die Oma möchte sich damit nicht auseinandersetzen und die Jugendliche möchte ihre Chancen einer beruflichen Karriere nicht verloren gehen sehen. Folglich werden Kind und Mutter getrennt. Das Kind kommt in eine Einrichtung. Der Pflegesatz bewegt sich um 6000 € monatlich. Da frag ich mich, was kann ich mit diesem Geld nicht alles tun, damit Mutter und Kind nicht getrennt werden müssen? Ist es für dieses Geld sinnvoll Mutter und Kind für den Rest des Lebens voneinander zu entfremden? (Mein Chef hatte nichts besseres zu tun als mit dem Verlust von Arbeitsplätzen zu argumentieren.)

Aus meiner Praxiserfahrung heraus bin ich der Ansicht, die allermeisten Kinder waren und sind fehlbelegt. Die Unterbringungen liegen nach wie vor im Interesse des Trägers, dabei weder im Interesse der Eltern noch dem Interesse der Kinder.

Über das Filmprojekt, dass wesentlich von Interviews ehemaliger Heimkinder lebt, möchte ich den von mir o.g. Denkansatz vermitteln. Wenn ich davon ausgehen muss, dass z.B. in der Justizvollzugsanstalt Tegel 30% Deutsche untergebracht sind, haben von diesen weit mehr als die Hälfte eine Heimsozialisation genossen. Dieser Umstand ist für mich der entfremdeter Kindheit, wie oben beschrieben, geschuldet. Losgelöst von Eigentum, individuellen Besitzverhältnissen und Verfügungsgewalten kann kein wirklich tragbarer Eigentumsbegriff durch die Heimkindern entwickelt werden. Ein adäquat entwickelter Eigentumsbegriff ist u.a. wesentlich mitentscheidend für das Denken und Handeln in unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft ist vom Geld und individueller Verfügungsgewalt geprägt. Beides, Geld und Verfügungsgewalt, sind innerhalb unserer Gesellschaftsformation handlungsleitend. Welches Verhältnis zum Geld, Besitz und Verfügungsgewalt kann ein Heimkind entwickeln, wenn Kinder und die Erwachsenen von den in unserer Gesellschaftsformation leitenden Handlungsmaximen abgetrennt sind. Die Beziehungen der Menschen zueinander hier, heute und in der Zukunft sind nicht losgelöst vom abstrakten Tauschwert der Dinge, deren Erkennen und Umgang mit ihnen nicht nur von Funktion und Gebrauchswert abhängig ist, sondern eben auch vom abstrakten Tauschwert, der den Dingen inne wohnt. Sowohl in der Philosophie, wie in den Einzeldisziplinen der Sozialwissenschaften kommt dieser Aspekt menschlicher Erkenntnis, Einordnung und Bewertung der Dinge einzeln und zueinander nicht vor. Wir erkennen die Welt und alles was darin enthalten ist nicht aus der bloßen Anschauung heraus, sondern durch das was wir mit unserem entwickelten Verstand in die Dinge subjektiv mithineintragen. Die Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens sind dabei nicht nur abhängig vom menschlichen Vermögen unserer Sinne, sondern vor allem von der Bewertung der Dinge in der Welt, in die auch – jedenfalls in unserer Gesellschaftsformation – wesentlich ihr Tauschwert mit eingeht. Von ihm sind auch die Beziehungsverhältnisse der Menschen zueinander geprägt. Die Interaktion und Kommunikation der Menschen zueinander sind geleitet von Warenverhältnissen. Ich will behaupten, bis hinein in das was wir Empathie nennen, als Voraussetzung für gemeinschaftliches Leben und Einordnung eigenen Lebens innerhalb der Austauschverhältnisse der Menschen untereinander. Wenn diese Strukturen als Kind und Jugendliche nicht erfahren werden können ist das Scheitern in unserer Gesellschaft bis hinein in engste Beziehungsverhältnisse vorprogrammiert. Heimerziehung bereitet auf die Gesellschaft außerhalb nicht vor und kann es auch nicht, gleichgültig wie sehr das Personal sich um ihre Schützlinge professionell zu kümmern bemüht. Nicht das Personal ist endscheitend dafür, in wieweit Heimkinder auf das Leben außerhalb vorbereitet werden, sondern wesentlich mithin die Lebensumstände in der Heimkinder erwachsen tragen zur Mündigkeit bzw. Unmündigkeit bei. Unter unmündigen Verhältnissen können keine mündigen Bürger heranwachsen. Wirklichkeit ist Ausdruck von Wirkungsverhältnissen zwischen den Menschen und den Dingen. Sie wollen erlernt werden, damit junge Menschen sich zu mündigen Bürgern zu entwickeln können.

Soweit mein theoretischer Background, von dem aus sich der Dokumentarfilm leiten lassen will.

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